Das war meine Kindheit im Krieg

Gespräch über Kindheit, Krieg und Neubeginn

„Das war meine Kindheit im Krieg.“

Ein Interview von Holger Rickert vom Gemeindearchiv mit Reinhard Rode

Holger: Reinhard, du bist 1936 geboren. Wo hat deine Kindheit begonnen?
Reinhard: In Nindorf bei Hohenwestedt, in der Meierei – mein Vater war dort Betriebsleiter. Ich ging mit sechs Jahren in die Dorfschule. Wir mussten den Lehrer mit Hitlergruß begrüßen, und am 20. April – Hitlers Geburtstag – war schulfrei. So hatte ich als Kind an meinen ersten beiden Geburtstagen automatisch frei, was ich natürlich toll fand.

Die ersten Kriegsjahre

Holger: Hast du als Kind die ersten Kriegsjahre wahrgenommen?
Reinhard: Nicht besonders. Das Dorf war klein. Ich erinnere mich aber, dass mein Vater seinen PKW an die Wehrmacht abgeben musste. Und in der Meierei stellte er täglich Rohkasein her – Milcheiweiß, das für die Flugzeugindustrie gebraucht wurde. Das war damals sehr wichtig.

Der Umzug nach Leezen 1944

Holger: 1944 zog deine Familie nach Leezen. Warum?
Reinhard: Mein Vater bekam einen Anruf vom Milchwirtschaftsverband Hamburg. Er sollte sofort die Meierei in Leezen übernehmen, die für die Trinkmilchversorgung Hamburgs wichtig war. Man drohte: Wenn er ablehnt, wird er eingezogen. Dabei war er eigentlich „uk“ – also unabkömmlich gestellt.

Holger: Und der Umzug?
Reinhard: Das war eine Abenteuergeschichte! Die Spedition Kramer aus Bad Segeberg lud unser Hab und Gut ein, aber ständig mussten sie die Arbeiten wegen Fliegeralarm unterbrechen. Bomber, die Kiel angriffen, wurden dann von deutschen Jagdflugzeugen verfolgt und warfen ihre restliche Bombenfracht ab, auch über Nindorf. Der Möbelwagen wurde von einem Holzgas-LKW gezogen. Der hatte aber kaum Kraft – in Meezen musste eine Bäuerin mit dem Trecker helfen, den LKW über eine Anhöhe zu ziehen. Der Holzgaskocher erzeugte nicht genug Gas und somit hatte die Zugmaschine nicht die nötige Power. In Wrist mussten wir den Bahnübergang überqueren. Doch das war ohne fremde Hilfe nicht zu schaffen. Da in Leezen ein benzingetriebener LKW war, der täglich die Milch nach Hamburg lieferte, wurde dieser angefordert und nahm uns dann auf den Haken und brachte und über Bad Bramstedt nach Leezen.

Meierei-Alltag und Kriegsgefangene

Holger: Wie war das Leben in der Meierei in Leezen?
Reinhard: Dort arbeiteten zwei russische Kriegsgefangene, Max und Wasil, und ein Pole, Alex. Sie wohnten gemeinsam in einem Zimmer. Laut NSDAP durften sie nicht mit uns essen – aber mein Vater hat das ignoriert. Wenn es Streit gab und er sagte: „Ich hole den Dorfpolizisten“, beruhigten sie sich sofort – der Mann war für seine Grausamkeit bekannt.

Holger: Und die Milchlieferung?
Reinhard: Die Bauern aus der Umgebung lieferten selbst. Die Meiereien in Fredesdorf und Neversdorf wurden geschlossen, ihre Milch kam auch zu uns. Brennstoff war knapp, Stromausfälle waren an der Tagesordnung.

Leben in der Mangelwirtschaft

Holger: Wie war die Versorgungslage?
Reinhard: Knapp. Es gab Lebensmittelkarten. Vieles wurde ersetzt: Kartoffelmehl statt Getreidemehl, Sirup aus Zuckerrüben statt Honig. Schweine durften nur in festgelegter Anzahl geschlachtet werden – wer mehr schlachtete, „schwarzschlachtete, riskierte Strafen.

Ausgebombte Hamburger und Flüchtlingstrecks

Holger: Wann kamen die ersten Flüchtlinge ins Dorf?
Reinhard: Als Hamburg und andere Städte schwer bombardiert wurden, zogen viele Ausgebombte aufs Land. Und gegen Ende des Krieges kamen ja noch mehr Menschen ins Dorf. Als die Rote Armee die Ostgebiete eroberte, zogen große Flüchtlingstrecks nach Schleswig-Holstein. Viele davon kamen auch nach Leezen. Die Wagen wurden oft von Pferden oder sogar von Ochsen gezogen, manchmal waren es nur Handwagen. Die Menschen hatten kaum mehr als das, was sie am Leib trugen.

Diese Flüchtlinge wurden einfach zugewiesen. Jeder musste jemanden aufnehmen, ob er wollte oder nicht. Bei uns in der Meierei musste mein Vater sogar sein Büro räumen – dort zog eine sechsköpfige Flüchtlingsfamilie ein. Auf dem Hof Wittern lebte eine Familie zeitweise in einem alten Hühnerstall. Das kann man sich heute kaum noch vorstellen.

Holger: Welche Auswirkungen hatte das auf das Dorfleben und die Schule?
Reinhard: Durch den starken Bevölkerungsanstieg reichten die zwei Klassenräume in der Schule nicht mehr aus. Es wurde Schichtunterricht eingeführt. Ein Teil der Kinder kam vormittags, der andere nachmittags. In den Wintermonaten war es besonders schlimm, weil die Klassenräume kaum beheizt werden konnten. Jeder Schüler musste Holz mitbringen, damit überhaupt geheizt werden konnte.

Auch die Meierei hatte ständig Probleme mit dem Heizmaterial. Steinkohle war streng rationiert und wurde zugeteilt. Deshalb holten wir Stubben aus dem Fredesdorfer Moor. Die Landwirte aus Leezen hatten dort jeweils Parzellen, auf denen sie Torf stechen durften. Trotzdem kam es häufig vor, dass der Betrieb wegen Stromabschaltungen oder Brennstoffmangels unterbrochen werden musste.

Tieffliegerangriffe

Holger: Du hast auch Angriffe miterlebt?
Reinhard: Ja. Einmal zwischen 17 und 18 Uhr gab es einen Tieffliegerangriff auf einen Wehrmachtsgeneral, der auf dem Weg Richtung Heiderfeld war. Die Pferde vor der Meierei, die mit den Milchwagen die Abendmilch brachten, wurden durch die Tiefflieger so wild und gingen teilweise durch. Sie mussten dann mühsam wieder eingefangen werden. Der General war der Besitzer der Gutes Neverstaven. Er wurde verwundet und verstarb später an Blutvergiftung.

Einen weiteren Tieffliegerangriff erlebten wir beim Spielen auf dem Hof Wittern. Wir haben uns in der Scheune flach auf dem Boden gelegt. Später konnten wir Einschüsse in den Scheunenwänden sehen. Bei einem weiteren Angriff wurde ein englisches Flugzeug abgeschossen und stürzte in der Barker Landstraße ab.

Das Kriegsende in Leezen

Holger: Gab es in Leezen auch sichtbare Vorbereitungen auf das Ende?
Reinhard: Ja, sehr deutlich sogar. Auf der Hamburger Straße, zwischen dem Hotel Stadt Hamburg – das ist heute die Amtsverwaltung – und dem Bauernhof Ahrens, wurde vom Volkssturm eine Panzersperre errichtet. Der Volkssturm wurde 1944 von der NSDAP gegründet, um die anrückenden Feinde aufzuhalten. Die Mitglieder waren überwiegend ältere Männer und Jugendliche aus der Hitlerjugend. Für uns Kinder war das unheimlich, aber gleichzeitig gehörte es plötzlich einfach zum Dorfbild.

Holger: Du hast auch von einzelnen Erlebnissen erzählt, die sich Dir besonders eingeprägt haben.
Reinhard: Ja, zum Beispiel erinnere ich mich sehr gut an die Poststelle. Sie befand sich in dem Haus zwischen der Großküche Hansen und der Tankstelle in der Hamburger Straße. Betrieben wurde sie von den Eheleuten Sorgenfrei. Während des Krieges und auch danach hatten sie Feldpostpakete und Carepakete unterschlagen. Das flog irgendwann auf, und sie wurden verurteilt und mussten ihre Strafe in Neumünster absitzen. Das war damals natürlich ein großes Gesprächsthema im Ort.

Holger: Wie hast Du das Kriegsende selbst erlebt?
Reinhard: Als 1945 kapituliert wurde, rückten englische Truppen von Bad Segeberg kommend in Leezen ein. Im Uhrenturm der Kirche hatte man eine weiße Flagge aufgehängt. Auf dem Dorfplatz lag die komplette Ausrüstung einer Instandsetzungskompanie der deutschen Wehrmacht. Die Soldaten waren einfach verschwunden. Viele Bürger haben sich dort bedient und ganze Werkstattausrüstungen mitgenommen.

Mit dem Tag der Kapitulation legten die Kriegsgefangenen schlagartig ihre Arbeit nieder. In der Meierei stand mein Vater plötzlich nur noch mit einem Lehrling da. Daraufhin bekam er von der Gemeinde Flüchtlinge zugewiesen, die dann in der Meierei arbeiten mussten.

Holger: Was geschah mit den nationalsozialistischen Organisationen im Ort?
Reinhard: Das BDM-Lager – der Bund Deutscher Mädel – in der Hamburger Straße 26 wurde aufgelöst. Zwei junge BDM-Mädchen fingen danach in der Meierei an zu arbeiten: eine im Büro, die andere im Haushalt. Auch das gehörte zu diesem abrupten Umbruch nach dem Krieg.

Besatzungszeit

Holger: Wie war die britische Besatzung?
Reinhard: Sie beschlagnahmten mehrere Häuser, auch die Lehrerwohnung und das Haus Tappenbeck, um dort Unteroffiziere und Offiziere unterzubringen. Wochenlang fiel die Schule aus.

Da plötzlich auch die bisherigen Gefangenen untergebracht werden mussten, wurde das Haus Nr. 27 Frank in der Heiderfelder Str. für die Unterbringung beschlagnahmt. Hier waren sehr viele Polen untergebracht.

Es gab viele Einbrüche. Sehr oft wurde Butter gestohlen – bis mein Vater einen großen schwarzen Hund anschaffte und ihn nachts in der Meierei laufen ließ. Danach war Ruhe.

Holger: Gab es auch Repressalien?
Reinhard: Ja. Es wurde eine Ausgangssperre ab 22:00 Uhr von der Besatzungsmacht eingeführt. Alle vorhandenen Traktoren und Autos mussten abgeliefert werden und wurden nach Bad Segeberg auf die Rennkoppel in der Eutiner Str. gebracht. Monate später konnten die wieder abgeholt werden.

Alle Bücher aus der NSDAP – Zeit wurden auf dem Hof von Theodor Möller, der zur NS-Zeit Bürgermeister war, gesammelt und dann verbrannt. Bürger der Gemeinde, die Funktionen in der NSDAP hatten, kamen nach Gadeland in ein Internierungslager zur Entnazifizierung.

Der Ortspolizist, der zur NS-Zeit in Leezen stationiert war, war für seine Härte gegen die Kriegsgefangenen bekannt. Als die Engländer kamen, musste er untertauchen, ansonsten hätten die Gefangenen ihn umgebracht. In Todesfelde wurde ein Landwirt, der französische Kriegsgefangene misshandelt hatte, von den Besatzern kurzerhand erschossen.

Holger: Du hast einmal eine sehr persönliche Begegnung mit den Besatzungssoldaten geschildert.
Reinhard: Ja, das war eine heikle Situation. Ich hatte zwei deutsche Soldaten von der Instandsetzungs-Kompanie vom Dorfplatz mit zur Meierei genommen. Sie haben sich auf dem Boden der Meierei versteckt. Die Engländer machten jedoch Hausdurchsuchungen und fanden sie schließlich.

Bei dieser Durchsuchung entdeckten sie im Wohnhaus der Meierei eine Rolle echtes Leder. Mein Vater brauchte das Leder für seine Holzpantoffeln, die er in der Meierei trug. Das Leder wurde beschlagnahmt, aber mein Vater kam straffrei davon, weil er nachweislich kein Mitglied der NSDAP gewesen war. Das war damals ein großes Glück.

Hamstern, Tauschhandel und Neubeginn

Holger: Was änderte sich nach dem Krieg?
Reinhard: Geld war knapp, dafür kamen „Hamsterer“ aus der Stadt aufs Land und tauschten Wertgegenstände gegen Lebensmittel. Flüchtlinge und Städter suchten nach der Ernte die Felder ab – Ährenlesen und Kartoffelstoppeln.

Holger: Wie ging es nach dem Krieg mit Schule und Verwaltung weiter?
Reinhard: Die Lehrer Julius Brodersen – er war Ortsgruppenleiter der NSDAP – und Hargens wurden entlassen. Unter anderem kam Lehrer Sander neu an die Schule. Brodersen übernahm später die wiedereröffnete Spar- und Darlehenskasse. Der
Sitz war zunächst in der Heiderfelder Straße 17, später dann in der Meiereistraße 3. Sein Nachfolger wurde schließlich sein Schwiegersohn Reinhold Becker, ein ehemaliger SS-Mann.

Holger: Erinnerst du dich an die Währungsreform?
Reinhard: Ja. In der Hamburger Straße im ehemaligen BDM-Lager – dort war die Kreissparkasse – wurden die 40 DM „Kopfgeld“ ausgegeben. Das war der Start in eine neue Zeit.

Holger: Reinhard, wenn Du heute auf diese Jahre zurückblickst – was bleibt für Dich besonders haften?
Reinhard: Es war eine Zeit des Mangels, der Angst, aber auch des Zusammenhaltens. Als Kind habe ich vieles einfach hingenommen, weil es normal war. Erst später habe ich verstanden, wie außergewöhnlich und hart diese Jahre wirklich waren. Diese Erinnerungen begleiten mich bis heute.
Ich hoffe, dass die Menschen von heute verstehen, was Krieg und Not bedeuten. Damit es nie wieder so weit kommt.

Leezen, im Dezember 2025